Die Nacht ist kommen
Der Chor der Katholischen Hochschulgemeinde sang in der vollbesetzten Johanneskirche Abend- und Nachtlieder.

Tübingen. Über 400 Zuhörer. Die Kirchenbänke sind restlos besetzt. Zusätzliche Stühle an den Seiten. Mit großem Beifall wird der 70 Stimmen starke Chor der Katholischen Hochschulgemeinde empfangen. Ein schönes, stimmungsvolles Programm: hoch- und spätromantische Abend- und Nachtlieder. Etwa Albert Beckers „Bleibe, Abend soll es werden“ in direkter Mendelssohn-Nachfolge. Ein samtiger, dynamisch sensibler Chorklang, von Jan Stoertzenbach mit weichen, sanften Gesten geführt. Sehr schön die fein sich absenkenden, dämmernden Decrescendi. Andächtig Clara Schumanns „Abendfeier in Venedig“, getragen von einer großen, souveränen Ruhe. Ein Klang mit Geist und Empfindung. St. Johannes ein guter, bergender Hallraum für A-cappella-Chormusik.

Brahms’ „Abendständchen“ mit beschwörendem Balladen-Tonfall: „Hör, es klagt die Flöte wieder“. Durchs gesamte Programm sehr eindrucksvoll die lange gehaltenen, nachklingenden Schlussakkorde: weiträumige, gemeinsam schwingende Harmonien.

Brahms’ „Nachtwachen“ nach Rückert und Regers „Leise geht der Tag zur Rüste“, polyphoner verzweigt und unruhiger. Ein Gang durch die Nacht, mit romantischer Sehnsucht und Waldeseinsamkeit, aber auch Todessehnsucht und metaphysischer Verlassenheit. Dazu dunkelte es hinter den Buntglasscheiben und es wurde Nacht. Die Kehrtwende dann mit drei Chorsätzen von Hugo Wolf: „Einkehr“, „Resignation“ und „Gottvertrauen“. Immer wieder berührend die „ankommenden“, sich in einer vereinenden Harmonie versammelnden Schlüsse.

Zwischen den Chorstücken waren die vier Sätze von Vivaldis Cellosonate g-moll RV 42 verteilt, musiziert von zwei Tübinger Haster-Schülern. Den Solo-Part gestaltete Paul Hauser, heute Cello-Student in Weimar und Orchesterakademist der Staatskapelle Weimar: mit feingliedrig filigranem, „barockem“, fast gambenartigem Klang. Die Generalbass-Begleitung spielte Joscha Wagner, aktuell Student bei Queyras in Freiburg: klangsatt zupackend, mit leidenschaftlich romantischem Gestus. Am schönsten die nachdenkliche Sarabande, von Pizzicato begleitet.

Brahms’ Hiob-Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ warf immer wieder neu die Frage auf, ließ den Aufschrei einen langen Moment stehen und lauschte in die leere Stille. Dann die Erlösung: Zu Esenvalds’ „Stars“ strichen Chormitglieder über den Rand von gestimmten Gläsern – ein Sternenhimmel aus magisch leisen Gesangslinien und gedämpft schimmernden Sphärenklängen. Zuletzt noch einmal Reger: „Die Nacht ist kommen“. Ein Heimkommen in tiefer Ruhe. (ach)